Eindrücke zum Podiumsgespräch „Indigenes Wissen für Waldschutz und Klimawandel“

Wie interagiert die internationale Umweltpolitik mit indigenen Gruppen? Diese Frage und andere Eindrücke zu der Paneldiskussion werden in dem Artikel verarbeitet und in Verbindung mit eigenen Erfahrungen und Studieninhalten gebracht.

 

Zur Autorin: Miriam Proske (22) studiert Ethnologie und Altamerikanistik sowie Politik und Gesellschaft an der Universität Bonn und macht in diesem Rahmen ein Praktium bei INFOE.

Obwohl ich sowohl Politik als auch Ethnologie studiere, habe ich mich im Zuge meines Studiums noch nicht oft mit der Verbindung der beiden beschäftigt. Die Veranstaltung gab mir die Möglichkeit, genau dies zu tun – wie interagieren indigene Menschen und Organisationen mit der internationalen, von westlichen Werten und Mächten dominierten Politik?
In meinen Vorlesungen und Seminaren habe ich bereits gelernt, dass es kaum wirklich unkontaktierte Völker gibt – die wenigen, von denen man es annimmt, leben meist in freiwilliger Isolation. Die allermeisten aber müssen sich so oder so mit der internationalen Wirtschaft und den Folgen eines unverantwortlichen Umgangs mit der Natur durch die Industriestaaten auseinandersetzen.
Im Zuge der Paneldiskussion wurde mir noch einmal deutlicher bewusst, dass gerade indigene Völker, die in direkter Abhängigkeit bzw. im engen Austausch mit ihrer Umwelt leben, oft als Erste von Klimaveränderungen betroffen sind. Dazu kommt, wie Pasang Dolma Sherpa berichtete, dass sie von der Nationalregierung vernachlässigt werden, was Katastrophenhilfe angeht. Sie erzählte, dass viele Indigene in Nepal gar nicht wissen, dass ihnen das Land, auf dem sie seit jeher leben, laut der Regierung nicht offiziell gehört. Das illustriert die Konflikte, die entstehen, wenn nationale Politik sich nicht die Mühe macht, ihre indigenen Einwohner zu erreichen.
In gewisser Weise habe ich solche Kontraste schon auf meiner Bolivienreise wahrnehmen können – in einem Gespräch mit der NGO Ciudadanía wurde uns bewusst, wie wichtig es ist, der dörflichen, oft indigenen Bevölkerung ihre politischen Rechte nahe zu bringen, was in Bolivien nicht selten durch Sprachbarrieren erschwert wird.
Auf internationaler Ebene ist dies nochmal massiver zu spüren. Häufig wird nach westlichen Standards ge- und verhandelt, ohne Rücksicht auf Menschen mit anderem kulturellen Hintergrund. Dies stellte Sabine Reinecke durch ihren Überblick über den Diskurs zwischen Wissenschaft und Politik und die Rolle von Machtdynamiken in wissenschaftlichen Debatten dar. Indigenes und lokales Wissen werden oft aus diesen ausgeschlossen. Sie stellte verschiedene Typen von Policy Problems vor, was ich sehr augenöffnend fand; diese werden unterschieden nach den Kategorien Übereinstimmung in Bezug auf Wissen(schaft) und in Bezug auf Ziele/Werte. Bei der fehlenden Übereinstimmung von Zielen und Werten verschiedener Akteure sei es zum Beispiel nicht angemessen, Politik linear von wissenschaftlichen Erkenntnissen abzuleiten.
Einer der wichtigsten Punkte, die ich von der Veranstaltung mitnahm, war, dass Umweltschutz sich häufig gegen indigene Völker richtet und sie als Sündenböcke missbraucht. Tatsächlich lebten etwa im Amazonasgebiet der präkolumbischen Zeit geschätzt fünf bis sieben Millionen indigene Menschen, die verschiedene Kulturpflanzen anbauten. So unberührt wie lange gedacht ist der Regenwald Südamerikas also nicht, dennoch herrschte lange Zeit ökologisches Gleichgewicht (vgl. Rostain, Spektrum der Wissenschaft 3.17, S. 78-84). Das Wohlbefinden indigener Gruppen basiert noch immer auf einer gesunden Umwelt und im Gegenzug tragen sie mit traditionellen Praktiken zu dieser bei. Das bedeutet aber keinesfalls, dass die Verantwortung der Restaurierung des Waldes auf sie abgewälzt werden kann, da sie in vielen Fällen als Folge des Klimawandels und der Umweltzerstörung selbst mit dem Überleben kämpfen.
Auch der Diskurs um Wissen und Macht, der in meinem Studium unter anderem durch Texte von Foucault bereits angesprochen wurde, trat mir wieder neu ins Bewusstsein. Westliche Wissenschaft wird oft als objektive Wahrheit dargestellt, während indigenes Wissen als „primitiv“ oder Aberglaube abgetan wird, und wenn es doch eingezogen wird, dann werden seine Wissensträger häufig ausgenutzt. Dies entspricht eher Tokenism als Repräsentation.
Insgesamt wurde ich angeregt, mich im Rahmen meines Studiums mehr mit den Intersektionen von indigenem Wissen und Umweltschutz sowie internationaler Politik zu beschäftigen.

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