Mein Großvater, ich und der Wald

Ein Gastbeitrag von Arlen Ribeira Calderón, jitoma ibaima.

Übrsetzung: Elke Falley-Rothkopf

Als sich mein Verstand so weit entwickelt hatte, realisierte ich, dass mich mein Großvater mütterlicherseits sehr liebte. Man kann sagen, ich war der verwöhnte Enkel und so liebte ich meinen Großvater ebenfalls innig.

Er sang mir immer Lieder in unserer Muttersprache vor, während er die Hängematte hin- und herschwang, damit ich einschlief. Die Lieder hatten immer hübsche, liebevolle Botschaften und erzählten auch von den Pflanzen, den Blumen und den Flüssen. Mit diesen sagte er mir auch, dass ich wie ein großer Baum wachsen sollte, um Früchte zu tragen und die anderen vor dem Wind und dem Regen zu schützen und um u.a. den erschöpften Menschen Schattten zu spenden.

Zum Wochenende versammelten sich quasi alle Mitglieder der Gemeinschaft in unserem traditionellen Haus, der MALOKA. Die Maloka ist ein rundes Haus mit hoher Decke und sie eigentlich keine Tür, denn mein Großvater sagte, dass wir unsere Herzen nicht verschließen sollen, um Leute zu empfangen und zu bewirten, unser Haus solle immer offen stehen. In einer Ecke der Maloka versammelten wir Jugendlichen und Kinder uns mit den Vätern und den Großvätern, also mit den Weisen. Bei diesen Zusammenkünften erzählten uns die Großväter viele Geschichten seit Erscheinen des ersten Menschen, von unserer Gegenwart und unserer Zukunft. Sie sagten uns immer, dass wir gute Männer sein müssen, dass wir uns gegenseitig helfen müssen und vor allem, dass wir darüber nachdenken müssten, wie wir den Wald schützen können, damit es uns NIEMALS an etwas fehlt. Sie haben uns viele Pflichten gelehrt. Sie sagten uns, dass wir Menschen des Waldes sind, dass wir vom Wald und für den Wald leben. Dort sei die Quelle unseres Lebens und des Wissens, so erzählten sie uns. Sie lehrten uns auch die Gutherzigkeit der Pflanzen, ihre magischen und heilenden Eigenschaften, die sich in den Träumen unserer Großväter und Heiler [-aìma], zeigten.

In der anderen Ecke der Maloka versammelten sich die jungen Frauen und Mädchen mit unseren Müttern und Großmüttern, dort lehrten die Großmütter, wie man eine großartige Frau sein kann, mit Wissen über die Pflanzen, um die Krankheiten der Kinder zu heilen. Alle erhielten Anleitung, wie man erfüllt leben kann, ohne Probleme und im gegenseitigen Geben und Nehmen.

Die Zeit verging, unsere Territorien wurden von Einwanderern, Kaufleuten, Viehzüchtern, Holzfällern usw. bevölkert und unsere Lebensweise begann, sich drastisch zu verändern. In unseren Gemeinschaften begannen [neue] Bedürfnisse zu entstehen, die Ruhe und Gelassenheit der Traumwelten unserer Gemeinschaften begann, sich in ein Drama angesichts der Invasion unserer Kultur zu entwickeln. Unsere Großeltern riefen zur Fortsetzung unserer Geschichte auf, sie wurden alt und viele junge Leute veränderten im Rahmen der Globalisierung ihre Lebensweise.

In den 80ern war mein Großvater, wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht, schon sehr müde, er ging immer langsamer und ich sah, wie er sich Schritt für Schritt von mir entfernte. Vielleicht ahnte er seinen Tod voraus, als mein Großvater mir einige Monate vorher zeigte, wie man Körbe pflechtet, Fallen für den Fischfang und die Jagd macht. Er gab mir viele Ratschläge, um ein Mann von gutem Wesen zu werden. Eine Woche vor seinem Tod sagte mir mein Großvater mit brüchiger Stimme: “Mein Sohn, lass uns in die Berge gehen, wir werden fischen, um zu essen. Wir wanderten Stunde um Stunde , obwohl er doch schon so müde war. Schließlich kamen wir auf den Gipfel eines Berges und während er mich ansah, umarmte er mich und sagte zu mir: “Mein Sohn, ich habe weder Geld noch Gold, um es Dir zu vererben. Das einzige, was ich Dir sagen kann ist, dass alles, was Du in der Umgebung siehst, unseres ist. Der ganze Wald, soweit Dein Auge reicht, all das gehört uns, dies überlasse ich Dir, damit Du es beschützt, weil alles, was sich dort befindet, uns gehört, es wird für Deine Kinder und unsere zukünftigen Generationen da sein. Wir sind ohne den Wald nichts und wenn wir keinen Wald mehr haben, ist das das Zeichen, dass unser Volk und die Menschheit sterben, in die andere Welt herübergehen werden. Möglicher Weise wird es ohne unseren Wald kein Leben geben, das Leben wird nicht leicht sein. Deshalb lehre stets Deinen Geschwistern in der ganzen Welt, dass sie unsere Berge, unseren Wald schützen müssen.

Einige Wochen später starb mein Großvater und er ging ins All, um dort zu wohnen und von dort leuchtet sein Geist unseren Weg.

Auf dass wir alle in einer harmonischen Welt leben, in Frieden, lasst uns arbeiten und aus unseren Bemühungen Hoffnung für die gegenwärtigen und künftigen Generationen entstehen, damit sie in gänzlicher Harmonie mit der Natur leben.

Die Stärkung des traditionellen Wissens, des Wissens aus uralter Zeit ist der Schlüssel für unser Fortleben auf einem angenehmen Planeten für alle.

Mögen Gott und die Geister unserer Vorfahren unser Denken und unsere Herzen auf dieser Etappe unseres Weges erleuchten!

 

 

 

 

 

 

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