Traditionelles und innovatives Wissen und Praktiken der Karen (Pgaz K’ Nyau) für nachhaltige Entwicklung

In Thailand leben etwa 1 Million Angehöriger indigener Völker. Die Karen bilden davon die Hälfte und stellen die größte indigene Gemeinschaft in Thailand dar. Sie leben hauptsächlich in der nördlichen und westlichen Region von Thailand, wo sie seit mehr als drei Jahrhunderten ansässig sind. Ihre Heimat ist das Quellgebiet mehrerer bedeutender Flüsse, die aus den Hügeln und Bergen entspringen und die Landschaft prägen. Ihr Weltbild, ihre Kultur, ihre Sprache und ihr Lebensunterhalt sind sehr eng mit ihrem Land, ihrer Flora und Fauna und der gesamten Umwelt verbunden. Dies ist Teil ihrer traditionellen symbiotischen Beziehung zur Natur. So wird für die Karen der Wald um die Felder und Dörfer herum durch eine Reihe von Gebräuchen, Verboten und Ritualen verwaltet, einschließlich heiliger Wälder und traditioneller Begräbnisstätten.

Die Gemeinde Hin Lad Nai liegt in einem biodiversitätsreichen hügeligen DSCN1868Waldökosystem im Norden Thailands. Zwischen den 1970er und 1980er Jahren wurden von der thailändischen Regierung Massenabholzungskonzessionen in den umliegenden Wäldern vergeben, die zu verheerenden Kahlschlägen führten und die Flüsse zu Rinnsalen verkümmern ließen. Seit die Abholzungskonzession im Jahr 1989 gekündigt worden war, hat die Gemeinde bis heute 80% der abgeholzten Fläche wiederhergestellt.

Die Gemeinde begann die Wiederherstellung ihres Waldökosystems mit dem Anlegen von Feuerbarrieren bzw. -schneisen, da es in ihren Wäldern viel trockenes Material wie Blätter, Äste und Holzstämme gab, das durch das Roden zurückgelassen worden waren. Die Dorfbewohner von Hin Lad Nai kontrollieren das wilde Feuer während der Sommerzeit sorgfältig, da es ihren Wald, ihre Wildtiere und ihre brachliegenden Rotationsfelder zerstören würde. All dies sind ihre Nahrungsquellen und Teile ihres Lebens. Die Dorfbewohner*innen betreiben Agroforstwirtschaft und legen in Gemeinschaftsarbeit entlang der Flussläufe verschiedene Pflanzungen an wie z. B. verschiedene Arten von Bambus, Rattan, einheimischen Tee sowie diverse einheimische Bäume. Dabei klassifizieren sie verschiedene Arten von Wald basierend auf ihrem traditionellen Wissen und Praxis und ihren Gewohnheitsrechten. So entstand auch ein Schutzgebiet für Wildtiere, das 1 km² um das Dorf herum liegt. Nach einigen Jahren kehrte das Ökosystem mit wildlebenden Tieren zurück, sogar einige gefährdete wildlebende Tiere kehrten zurück, wie z.Bsp. der Silberfasan.

Durch die Wiederherstellung ihres Ökosystems hat die Gemeinde Hin Lad Nai wirksam zur Umsetzung des nachhaltigen Entwicklungsziels Nr. 15, genauer dem Unterziel 15.2 beigetragen. Darin geht es um die Förderung der nachhaltigen Bewirtschaftung aller Waldarten, der Beendigung von Entwaldung, der Wiederherstellung geschädigter Wälder sowie um Aufforstung und Wiederaufforstung.

Sustainable Development Goals_icons-15Ziel 15. Landökosysteme schützen, wiederherstellen und ihre nachhaltige Nutzung fördern, Wälder nachhaltig bewirtschaften, Wüstenbildung bekämpfen, Bodendegradation beenden und umkehren und dem Verlust der biologischen Vielfalt ein Ende setzen

Tee wächst wild, wird aber gepflegt und beschnitten, um die besten Blätter zu erhalten. Bambussprossen werden geerntet und Honig wird im Wald aus sorgfältig platzierten Bienenkästen gesammelt. Dies sind die Haupteinnahmequellen für die Gemeinde. Das Rotations-Anbausystem enthält eine außergewöhnlich reiche Artenvielfalt an essbaren Sorten und halb-domestizierten Pflanzen, die zusammen mit den Produkten auf den Reisfeldern der Gemeinde Ernährungssicherheit bieten. Diese angepasste Wirtschaftsweise der Karen trägt zur Erhaltung der Bergökosysteme einschließlich ihrer biologischen Vielfalt und ihrer Fähigkeit zur Erbringung wesentlichen Nutzens für die nachhaltige Entwicklung bei, wie dies in Unterziel 15.4 gefordert wird.

Im Rahmen ihrer Landwechselwirtschaft kommt es auf den Brachflächen nicht nur zu einer natürlichen Zunahme an Nahrungspflanzen und wilden Arten, sondern es wird auch Bienenhaltung praktiziert, die den Prozess der Bestäubung von Pflanzen auf der Brachfläche und im nahen Wald stärkt und somit die nachhaltige Entwicklung des Ökosystems und der Menschen die darin leben, fördert. Das Ökosystem wird reicher an Artenvielfalt, wodurch sich sowohl Quantität als auch Qualität des Ökosystems erhöhen.

In dem die Gemeinde Hin Lad Nai die Wertschöpfung der verschiedenen Produkte wie Honig, Tee, Bambussprossen usw. erhöht, werden auch junge Menschen motiviert, in ihre Gemeinde zurückzukehren. Sie spielen dann eine wichtige Rolle bei der Innovation von Produkten und schaffen damit neue Erwerbsquellen. Einen Teil des Erlöses aus dem Verkauf von Produkten geben sie an den kollektiven Gemeindefond ab. Dieser Gemeindefond ist für alle dringenden und gemeinsamen Aktivitäten bestimmt, insbesondere für die Pflege und Erhaltung ihrer Umwelt. Die junge Generation von Hin Lad Nai entwickelt so ihre eigenen Lösungen mit traditionellen lokalen Produkten in einem neuen Ansatz für Innovation und einem dynamischen Prozess für wirtschaftliche Selbstversorgung und ein selbstbestimmtes Leben. Auf diese Art und Weise tragen sie schließlich zur Erreichung des Unterziels 15.9 bei und beziehen die Werte des Ökosystems- und der Biodiversität in lokale Strategien zur Armutsbekämpfung und Entwicklung ein.

Prasert Trakansuphakon, Ph.D. Text und Photo (Übersetzung Sabine Schielmann)

Lesen Sie hier den englischen Originalbeitrag von Dr. Prasert Trakansuphakon.

 

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