Wissen, Wald und Landrechte Indigener in der Corona-Krise

Überlegungen mit einem sorgenvollen Blick in die Zukunft von Richard Rubio, Kichwa und aktueller Vize-Präsident des indigenen Dachverbandes AIDESEP in Peru

Eine spirituelle Vision aus den Gemeinschaften.

Die indigenen Völker  und Gemeinschaften können sich nur vor den Pandemien retten, wenn  sie über Waldterritorien, Nahrung, Unterkunft, Zuflucht und kosmischen Schutz verfügen. Für kleine Gemeinden, die keine Territorien haben, wird es schwieriger werden, dies alles  zu überstehen.

Wenn der Coronavirus in die Gemeinschaften eindringt, werden diese verödet zurückbleiben. Nicht, weil die Bevölkerung ausgerottet werden würde, sondern weil diese in den Wald geflüchtet sein wird. Aber nicht alle Gemeinschaften werden diese Möglichkeit der Zuflucht haben, da nicht alle ein Territorium haben. Seit die Territorien der Gemeinden nach der Anzahl der Familien tituliert worden sind, sind viele Gebiete, die per Gesetz als frei verfügbar definiert wurden, von Dritten besetzt worden. Falls etwas übrigblieb, wurde es von Holzkonzessionären besetzt oder als permanente Produktionswälder (Bosques de Producción Permanente ) deklariert.

Ricardo und Elke

Richard Rubio und Elke Falley-Rothkopf vor dem AIDESEP Büro, Foto: Dominikus Rothkopf

Gemeinschaften wie die Ashaninka, Yanesha, No Matsinguenga, Kakinte und andere erlitten dieses bedauerliche Schicksal.  Andere Gemeinden kämpfen weiterhin mit dem wenigen, was ihnen noch bleibt, gegen die weitreichende Wirtschaftspolitik, die versucht, sich Amazoniens zu bemächtigen. Einige Völker, die ihre territorialen Rechte besser verstanden haben, verteidigen und schützen ihre traditionellen Territorien zu den Bedingungen, die in den Menschenrechtsstandards  zugunsten der Indigenen festgelegt sind. Sie haben ihre Territorien sogar in Zonen eingeteilt, um sie organisiert zu verwalten, so wie es ihre Vorfahren taten.  So haben zum Beispiel die Nation der Wampis, das Volk der Candozi und weitere indigene Völker mit der organisierten Verwaltung ihrer Territorien ihr Recht bekräftigt, ihre angestammten Besitzgebiete (auch wenn sie nicht tituliert sind) genauso zu schützen und zu verteidigen wie solche mit Titulierung (Herrschaftstitel). Und sie haben in ihrer autonomen Zoneneinteilung ein Gebiet als Zufluchtsort für Notfälle ausgewiesen, genau wie schon ihre Vorfahren.

Zu diesen Notfällen gehören auch Epidemien. Im Gegensatz zu der Logik der Stadt, bei welcher, um jede Gefahr zu vermeiden, jeder Mensch Zuflucht in seinem eigenen Haus nimmt, ist nach der indigenen Logik die Taktik, die Zuflucht im Wald, nicht in den Siedlungen zu suchen.

Bevor der Staat existierte, verwalteten die Indigenen ihre Territorien auf systematische Weise. Sie hatten ihre Zufluchtsorte bereits festgelegt und in vielen Dörfern gibt es diese Vision noch immer. Ich erinnere mich noch daran, dass ich als Kind von meinen Großeltern vier Stunden Fußmarsch entfernt in den Wald mitgenommen wurde, um mich nicht mit Masern anzustecken. Dieser Ort wird auf Spanisch „atajo“ genannt und bis heute ist er als Zufluchtsort erhalten geblieben. Dörfer, die ihr Territorium noch nicht verloren haben, haben ihre Zufluchtsorte. Es ist möglich, dass die Menschen, wenn die Zeit gekommen ist, ihre Häuser verlassen und die betroffene Gemeinde leer zurückbleibt, völlig verödet, bis die Pandemie vorüber ist. Gemeinden, deren Bevölkerung keinen Ort hat, wohin sie fliehen kann, bereiten sich auf das Schlimmste vor. Gemeinschaften, die noch nicht betroffen sind, bestehen fort.

Nun, für den Fall, dass es zum Äußersten kommen wird – wie implementieren wir dann das Cyber-Zeitalter der Bildung in den Gemeinschaften? Das ist die Frage. Es wird gesagt, dass der Coronavirus an dem Ort, wo er hinkommt, etwa 90 Tage lang wütet. Aus den Gemeinden, in denen das Virus gerade ankommt, wurde der erste Fall bei der Bevölkerung der Shipibo gemeldet. So wird es in den anderen Gemeinden fast überall im Amazonasgebiet ankommen, was bedeutet, dass der Infektionskalender ab Mitte April gezählt wird. Vermutlich schon im Juli werden wir wissen, wie die Situation durchschnittlich in den einheimischen Gemeinden aussieht. Aber wie wird die zweisprachige Erziehung bei jenen Kindern, die in den Wald fliehen, gehandhabt und wie bei den Kindern, die in ihren Gemeinden bleiben werden? Dies ist eine Frage, die sich das Ministerium der Bildung stellen muss.

Die Antwort ist nicht einfach. Die meisten der infizierten Familien werden ihre Gemeinschaften nicht verlassen wollen. Aber wurden für ein solches Szenario überhaupt mobile Betreuungsteams aufgestellt? Ich höre, dass mit den PIAS-Schiffen diese Einschränkungen gelöst werden sollen, aber diese Flotte deckt nur 20% des indigenen Territoriums ab. Der größere Teil allerdings ist nicht abgedeckt, der Zugang hier ist nur auf dem Luftweg (Hubschrauber), über Land (Pfad) und auf dem Fluss (Kanu oder Boot) möglich.

Wenn wir an den Amazonas denken, müssen wir an 11 Departamentos (Regionen)  denken: die Amazonas, Loreto, San Martín, Cajamarca, Ucayali, Junín, Cuzco, Huánuco, Ayacucho, Madre de Dios und Pasco: Ist es möglich, dass zu diesem Zeitpunkt zweisprachige Schulen eröffnen werden? Die Antwort liegt nicht nur beim Ministerium, sondern auch bei den indigenen Völkern. Es wäre wichtig, ein Protokoll für die schnelle Konsultation durch ihre repräsentativen Organisationen umzusetzen, um die Meinung der Wampis, Achuar, Awajún, Ashaninka, Shipibo – Conibo Nation, usw. zu dieser Situation zu erfahren. Die Konsultationen sollten nicht pro Gemeinschaft (comunidad nativa), sondern von den Völkern durch ihre autonomen Regierungen und repräsentativen regionalen Organisationen und Aidesep, der nationalen Organisation, durchgeführt werden. Es ist dabei nicht notwendig, sich für Entscheidungsfindungen zu treffen, da die meisten dieser Organisationen an ein elektronisches Kommunikationssystem angeschlossen sind.

Bis jetzt habe ich von der Zentralregierung noch nichts in die Richtung gehört, dass die indigenen Organisationen in ihre Handlungsstrategien einbezogen werden. Es ist dringend notwendig, sich mit den indigenen Institutionen abzustimmen, denn nur so kann eine Politik verfolgt werden, die in die Nähe der kulturellen Realität jeder einzelnen Gemeinschaft kommt. Zwar wird vorausgesagt, dass der Ansteckungsgipfel und die höchst möglichen Todesfälle in den Städten am 21. April auftreten könnten, in den Gemeinschaften könnte dies jedoch erst ab dem 30. Mai der Fall sein. Meiner bescheidenen Meinung nach wird, je nachdem wie die Dinge laufen, jede Entscheidung, die in Bezug auf die zweisprachige Erziehung getroffen wird, zu diesem Zeitpunkt noch nicht sicher sein, sondern sie wird in den folgenden 90 Tagen durch eine Art Filter gehen. Zwischen Juli und August wird es besser für eine Entscheidungsfindung aussehen. Es ist jetzt die Zeit, Meinungen zu äußern, es ist jetzt die Zeit, mit Ideen und mit jedem willkommenen, konstruktiven Beitrag beizutragen.

Heute, da es Sonntag ist, habe ich Zeit, darüber nachzudenken, was passieren wird und was in unserer Geschichte bereits geschehen ist ….

Hier finden Sie den Original-Kommentar von Richard Rubio.

Erläuternder Zusatz: Diesen Kommentar von Richard Rubio erhielt INFOE per whatsapp, auf die Rückfrage, wie denn die Versorgung aller indigenen Schüler*innen, wie von der peruanischen Regierung verkündet, mit Tablets für den online-Unterricht funktionieren kann in Gemeinschaften, die nicht über ein Stromnetz verfügen. Zur Zeit des Beitrags befand sich Ricardo in Lima – einer der vielen, die aufgrund des Ausnahmezustands in Peru bisher nicht in ihre ‚comunidad‘ zurückkehren konnten und nun in Lima unter den besonderen Bedingungen einer Metropole unter Quarantäne und ohne Zugang zum Wald auskommen müssen.

Transkription, Übersetzung, Redaktion: Tanja Löbbecke / Elke Falley-Rothkopf

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